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Soll oder sollte: Auftrag, Rat oder vergangene Erwartung?

Soll ist eine Präsensform von sollen. Sollte kann Präteritum oder Konjunktiv II sein: Gestern sollte ich anrufen berichtet einen vergangenen Auftrag; Du solltest früher anrufen kann einen Rat geben. Kontext und Zeitbezug entscheiden, nicht nur eine vermeintliche Stärke der Aufforderung.

Eine Kollegin sagt: „Ich soll den Raum reservieren.“ Damit kann sie einen Auftrag wiedergeben. Eine andere sagt: „Du solltest den Raum früh reservieren.“ Das kann als Empfehlung gemeint sein. Die zweite Form ist deshalb nicht einfach die Vergangenheit der ersten Aussage.

Lies außerdem, wer die Erwartung äußert und ob etwas nur berichtet wird. Sollen kann fremde Information wiedergeben. Aus dem Wort allein folgt weder, dass die Handlung schon geschehen ist, noch dass die sprechende Person jede Nachricht selbst bestätigt.

Soll: eine aktuelle Erwartung oder Anweisung wiedergeben

„Nora soll heute den Raum buchen“ kann bedeuten, dass jemand Nora diesen Auftrag gegeben hat. Die erwartete Handlung steht im Infinitiv. Im Präsens lauten die Singularformen ich soll, du sollst und er oder sie soll. Ein zusätzlicher zu-Infinitiv gehört nicht zu diesem gewöhnlichen Modalverbmuster.

In „Das neue Café soll gemütlich sein“ kann sollen eine fremde Nachricht wiedergeben. Hier wird kein Auftrag an das Café erteilt. Deshalb reicht die Worterklärung „sollen bedeutet immer eine Pflicht“ nicht für jeden Satz. Ergänzungen und Situation helfen, die passende Lesart zu erkennen.

Sollte nicht ohne Kontext einordnen
Eigener SatzGemeinte Funktion
Nora soll heute anrufen.Aktueller Auftrag
Gestern sollte Nora anrufen.Vergangene Erwartung oder Auftrag
Du solltest vorher fragen.Rat im passenden Zusammenhang
Sollte es regnen, bleiben wir drinnen.Bedingung
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Einzelne Beiträge, Transkript und Audiodateien
  1. Ich soll heute anrufen. Du solltest früher losgehen.

    Audiodatei öffnen 1

Sollte: Rat oder vergangener Auftrag

Bei einer Empfehlung ist sollte eine Konjunktiv-II-Form. „Du solltest eine Rückfrage stellen“ schlägt im passenden Gespräch ein Vorgehen vor. Wie verbindlich der Rat wirkt, hängt unter anderem vom Verhältnis der Personen, vom Ton und vom Zusammenhang ab. Eine feste Skala „soll ist immer stark, sollte immer schwach“ erfasst das nicht.

Beim Bericht „Gestern sollte ich die Liste abgeben“ kann dagegen Präteritum gemeint sein. Der Satz sagt nicht von sich aus, ob die Abgabe tatsächlich stattfand. Auch eine Bedingung kann sollte enthalten: „Sollte eine Frage offenbleiben, ruf an.“ Die Form ist deshalb nicht auf genau eine Funktion beschränkt.

Die Aussage mit einer Rückfrage absichern

A: „Ich soll heute noch antworten.“ B: „Hat dich jemand darum gebeten?“ A: „Ja, die Kollegin wartet auf meine Rückmeldung.“ In dieser Situation wird ein aktueller Auftrag erläutert. Ein anderer Dialog beginnt mit einem Vorschlag: A: „Wie könnte ich das klären?“ B: „Du solltest die Kollegin direkt fragen.“

Wenn die Bedeutung unklar bleibt, frage nach der Quelle oder dem Zeitpunkt: „Ist das ein Auftrag für heute oder deine Empfehlung?“ Prüfe beim Schreiben anschließend die Person: du solltest, wir sollten. Mit einer anderen Person verändert sich die finite Form, während der Infinitiv des gewöhnlichen Modalverbmusters bleibt.

Die Wortwahl im Zusammenhang üben

Löse die sechs Aufgaben vor dem Öffnen der Erklärung. Beachte die ausdrücklich genannte Bedeutung und Form. Offene Erklärungen sind Modellantworten; sinngleiche Formulierungen sind ebenfalls möglich.

  1. Wähle ausdrücklich die Präsensform zur Person ich: Ich ___ laut Nachricht heute anrufen. (soll / sollte)

    Antwort und Erklärung anzeigen

    soll

    Die Aufgabe verlangt Präsens und ich. Ob der Anruf ausgeführt wird, ist damit noch nicht berichtet.

  2. A: „Was empfiehlst du mir?“ B: „Du ___ zuerst nachfragen.“ Verwende die du-Form von sollte.

    Antwort und Erklärung anzeigen

    solltest

    Die Person du verlangt solltest. Der Gesprächsrahmen kennzeichnet den Rat.

  3. Berichte ausdrücklich im Präteritum über den gestrigen Auftrag: Gestern ___ Nora die Liste abgeben. (soll / sollte)

    Antwort und Erklärung anzeigen

    sollte

    Die verlangte vergangene Auftragsperspektive wählt hier sollte.

  4. Beweist „Gestern sollte Nora die Liste abgeben“, dass sie die Liste tatsächlich abgegeben hat?

    Antwort und Erklärung anzeigen

    Nein. Der Satz berichtet eine damalige Erwartung oder einen Auftrag. Ob die Handlung stattfand, muss der Zusammenhang ergänzen.

    Auftrag und tatsächliche Ausführung sind verschiedene Informationen.

  5. Warum ist „Das Café soll gemütlich sein“ im hier gemeinten Bericht über fremde Empfehlungen kein Auftrag an das Café?

    Antwort und Erklärung anzeigen

    Sollen gibt hier eine fremde Information oder Einschätzung wieder. Es fordert das Café nicht als handelnde Person zu einer Aufgabe auf.

    Die Bedeutung des Modalverbs wird anhand des ausdrücklich genannten Berichtskontexts erklärt.

  6. Vergleiche „Du solltest früher fragen“ als Rat mit „Gestern solltest du früher fragen“ als Bericht über eine frühere Erwartung. Warum entscheidet die Form solltest allein nicht über diese beiden Funktionen?

    Antwort und Erklärung anzeigen

    Die gleiche Form kann Konjunktiv II oder Präteritum sein. Die Zeitangabe und der Gesprächszusammenhang klären Rat beziehungsweise vergangene Erwartung.

    Eine gleichbedeutende eigene Erklärung ist möglich; eine starre Stärke-Regel ersetzt die Kontextprüfung nicht.

Häufige Fragen

Ist sollte immer Vergangenheit?

Nein. Es kann ein vergangener Auftrag, aber auch ein gegenwärtiger Rat oder eine Bedingung gemeint sein. Prüfe die vollständige Aussage.

Bedeutet soll immer eine Pflicht?

Nein. Sollen kann auch eine Nachricht aus fremder Quelle wiedergeben, beispielsweise Das Café soll gemütlich sein.

Quellen

Quellen zuletzt geprüft:

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